Betriebliches Gesundheitsmanagement im Coworking Space?

In die Arbeit vertiefte Coworker, die mit Kopfhörern auf stilvollen Kunststoffschalenstühlen über ihre schlanken Laptops gebeugt, dicht an dicht am massiven Holztisch sitzen; was für alle Verantwortlichen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement ein Schreckensszenario darstellt, ist für viele Coworker Arbeitsalltag. Selbstverständlich gibt es auch Coworking Spaces mit modernen Sitzstehtischen und typischerweise sitzen Coworker auch nicht acht Stunden am Stück auf einem Holzstuhl aus dem Brockenhaus. Tatsache ist aber, dass die physische und psychische Gesundheit in Coworking Spaces und anderen Third Spaces wenig diskutiert wird.

Mobiles Arbeiten nimmt zu

In der Schweiz sind über 40% der Beschäftigten in wissensintensiven Berufen tätig (Deloitte (2016) – Arbeitsplatz der Zukunft). Unterstützt durch die voranschreitende Digitalisierung könnten in dieser Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft immer mehr Arbeitnehmer mobil und flexibel Arbeiten, da viele Arbeitsinhalte nicht zwingend ortsgebunden erledigt werden müssen. Sind es momentan knapp über einem Drittel der Beschäftigten, die teilweise mobil arbeiten, kann davon ausgegangen werden, dass dieser Anteil noch zunehmen wird (FlexWork Studie 2016). In den Statistiken gilt man bereits als "Mobile Worker", wenn man einen halben Tag im Home Office arbeitet. Mit zunehmendem Verständnis für mobiles Arbeiten und dem Ausbau der Infrastruktur könnten daraus schnell einmal ein Tag im Home Office plus noch ein Tag im Coworking Space werden. Sicher ist, dass der Anteil der Arbeitszeit, die in Third Spaces geleistet wird, zunimmt. Im Kontext der Arbeit gelten als Third Spaces diejenigen Räume, die rundum den First Space – das Zuhause oder eben das Home Office – und den Second Space – der Arbeitsplatz – liegen. Zwischen diesen Räumen liegt der Fourth Space, das Mobile Büro, der je länger desto mehr auch produktiv genutzt werden kann. Heute ist das typischerweise im Zug; in Zukunft sehr wahrscheinlich auch im autonom fahrenden Auto. Die Zunahme der möglichen Arbeitsplätze ist Grund genug, dass wir uns die Frage stellen, wie sich mobiles und flexibles Arbeiten – insbesondere in Coworking Spaces – auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt.

Starke Community, arbeitssame Stimmung und coole Spaces

Die Vorteile der Arbeit in einem Coworking Space sind bekannt. Coworker schätzen den sozialen Austausch und in manchem Coworking Space trifft man sich zum gemeinsamen Mittagessen. Aber nicht nur das kommunikative Umfeld wird geschätzt. Die arbeitssame Stimmung ist genauso wichtig. Von motivierten, hart arbeitenden Coworkern umgeben zu sein, wirkt sich positiv auf die eigene Motivation und Leistungsbereitschaft aus. Was wir im Fachjargon Working-Alone-Togehter nennen, kennen viele aus eigener Erfahrung in einer Bibliothek oder einem Café.

Ein Blick in viele Coworking Spaces lässt aber vermuten, dass die funktionalen und ergonomischen Voraussetzungen für produktives Arbeiten nicht gegeben sind. Die Packungsdichte ist relativ hoch und das Mobiliar antiquiert. Letzteres ist aber durchaus gewollt, da die Coworker den WG-Küchen-Stil sehr schätzen. Man ist gewillt zu sagen, das der Coworking Groove und das hippe Design der Spaces gesundheitliche Aspekte in den Hintergrund drängen. Es gibt denn auch kaum ein Coworking Space, der mit ergonomischem Mobiliar und einem gesundheitsförderlichen Arbeitsplatz wirbt. Und die wenigen, die es tun, kommen in ihrem Auftritt eher etwas bieder daher. Die meisten Coworking Spaces werben mit durchdesignten Lounges und mikrogeröstetem Kaffee für ihr kreatives, inspirierendes Arbeitsumfeld.

Gesundheitsförderlicher Gestaltungsfreiraum

Auch wenn die Rahmenbedingungen aus gesundheitsförderlicher Perspektive in vielen Coworking Spaces nicht optimal sind, empfindet nur ein kleiner Teil der mobil Arbeitenden, dass diese Arbeitsweise negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit hat (Prümper et al. (2016) – Studie Mobilies Arbeiten). Als wesentlicher Grund hierfür gilt der grössere Gestaltungsfreiraum bei der Wahl der Arbeitsorte und -zeiten, da sich diese Selbstbestimmung positiv auf das Wohlbefinden der Mobile Worker auswirkt. Studien aus Corporate Offices zeigen denselben Effekt. Die Möglichkeit zwischen verschiedenen Arbeitszonen wechseln zu können, steigert die wahrgenommene Leistungsfähigkeit und senkt das Stressempfinden. Hinzukommt, dass mit einer geschickten Wahl der Arbeitsorte viele Wegzeiten eingespart werden können, was die Work-Life-Balance direkt beeinflusst. Es bleibt mehr Zeit für Familie und Freizeit. Damit mobiles und flexibles Arbeiten gelingt, bedarf es aber gewisse Kompetenzen. Eine Studie der Gesundheitsförderung Schweiz beleuchtet diesen Aspekt im Detail.

Und die Corporate Coworker?

Die klassischen Coworker sind Startuper und Freelancer. Aber eben nicht nur. Wie erwähnt, arbeiten fast 40% der Arbeitnehmer in der Schweiz teilweise flexibel. Hinzukommt, dass rund ein Viertel der Beschäftigten bereits ganz oder teilweise als Freelancer arbeitet. So verfolgen zum Beispiel die sogenannten Moonlighter - aktuell rund 7.5% der Beschäftigten – neben ihrer Hauptanstellung in einem Unternehmen weitere bezahlte Projekte in ihrer Freizeit. Da stellt sich zwingendermassen die Frage, ob die Corporate Coworker andere Ansprüche haben? Laut der HSG Studie – Coworking aus Unternehmenssicht – gibt es zwei Nutzergruppen. Während die einen Wert auf eine hochwertige Infrastruktur mit ergonomischen Mobiliar legen, arrangiert sich die andere Gruppe relativ unkompliziert mit den Bedingungen vor Ort. Im Vergleich mit den klassischen Coworkern sind die Anforderungen der Corporate Coworker an das Arbeitsumfeld also gar nicht so verschieden. Dennoch ist davon auszugehen, dass sich mit steigender Popularität von mobilem, flexiblen Arbeiten ein breiteres Spektrum an Qualitäts- und Dienstleistungsangeboten entwickeln wird. Wenn man nur hin und wieder einen Tag im Coworking Space verbringt, wird vielleicht mehr Wert auf ein stilvolles Interieur gelegt. Wenn man hingegen regelmässig in Coworking Space arbeitet, wird man verstärkt auf funktionale Aspekte achten. Auch dürfte – ja sogar müsste – es im Interesse der Unternehmen liegen, dass Ihre Mitarbeiter während ihren Mobilen Arbeitstagen im Coworking Space oder anderen Third Spaces in gesundheitsförderlichen Arbeitsumgebungen tätig sind.

Coworking Space = Corporate Office?

Coworking Spaces und Corporate Offices dürften sich immer ähnlicher werden. Unternehmen haben die Notwendigkeit erkannt, inspirierende Räume zu kreieren, die eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen und den Austausch zwischen den Mitarbeitern anregen. Coworking Spaces ihrerseits können von den Unternehmen lernen, wie man ein gesundheitsförderliches und produktives Arbeitsumfeld schafft, denn die übergeordneten Faktoren für die Planung moderner Arbeitswelten – Funktionalität, Ästhetik und Symbolik – gelten auch für Coworking Spaces. Ein Raumlayout mit Zonen für konzentrierte Einzelarbeit und Zonen für kollaborative Teamarbeit ist nicht nur die Basis für ein funktionierendes Büro, sondern auch für einen gesundheitsförderlichen Coworking Space. Es sind denn auch die Rückzugsmöglichkeiten für stilles Arbeiten oder vertrauliche Telefongespräche, die viele Coworker vermissen.

Ein Fazit

Tatsächlich werden gesundheitsförderliche Faktoren im Zusammenhang mit Coworking Spaces kaum diskutiert. Die Herausforderungen, die mobiles und flexibles Arbeiten mit sich bringen, sowie deren räumliche Aspekte, sind aber bekannt und Thema zahlreicher Studien der Betrieblichen Gesundheitsförderung. In die Gestaltung von Coworking Spaces und anderen Third Spaces fliessen diese Erkenntnisse aber noch zu wenig mit ein.

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