Lernwelten gestalten die Welt des Lernens

Teenager finden selten «cool», was ihre Mütter machen. Umso mehr hat mich der Kommentar meines damals 14-Jährigen Sohnes beim Frühstückstisch zum Nachdenken gebracht.

„Ich würde eigentlich auch gerne wählen, wann ich was wo wie mache in der Schule, so wie du das kannst beim Arbeiten.“ Und eigentlich ist es ja genau das, was wir von den Jugendlichen erwarten, wenn sie ins Arbeitsleben eintreten: dass sie selbstverantwortlich, kreativ, und vorausschauend ihre Arbeit erledigen.

Experiment zu Lernwelten

Sind Schule und Arbeitswelt eigentlich wirklich so weit auseinander? Starten wir ein gedankliches Experiment und beobachten, was passieren könnte, wenn ein Schulteam und ein Büroteam für eine gewisse Zeit ihre Arbeitsplätze tauschen. Für wen würde die Umstellung schwieriger sein? Wer könnte was vom anderen lernen?

Nach vier Wochen Gebäudetausch ziehen sie Bilanz: Das Team aus der Arbeitswelt war begeistert von der grossen Turnhalle und dem Werkraum im Schulhaus. Gemeinsam hatten sie am Mittag Sport getrieben oder waren für kreative Aufgaben in den Werkraum gegangen. Natürlich gab es auch Dinge, die sie vermissten. Zum Beispiel die Mensa und die offenen Begegnungszonen. Auch fanden sie die Tische und Stühle in den Schulzimmern eher wenig komfortabel. Und natürlich litten alle unter Koffeinentzug, da es keine Kaffeemaschine im offenen Bereich gab, und die Chefs sie nicht ins Lehrerzimmer liessen.

 

Lernwelten gestalten die Welt des Lernens

Das Schulteam auf der anderen Seite hatte es genossen, dass es in den offenen Räumen des Büros zu ganz neuen Begegnungen kam. Es gab weder Lehrer- noch Klassenzimmer und die Lehrpersonen haben im offenen Raum vorbereitet – dadurch war der direkte Austausch unter den Lehrerkollegen aber auch mit den Schülerinnen und Schülern viel besser. Am Anfang waren alle etwas verwirrt, weil die Glocke fehlte und jeder dann erschien, wie es seinem Rhythmus am besten entsprach. Nach einiger Zeit stellte sich aber ein wunderbarer Effekt ein – die Schülerinnen und Schüler fingen an, sich selber Ziele zu setzen aufgrund der Angebote der Lehrpersonen. Da alles offen war, besuchten sie manchmal auch andere Klassen, wenn der Inhalt sie faszinierte. Die Begegnungszonen und Sitzungszimmer wurden von den Schülern als Besprechungsräume genutzt, in denen sie sich selber weiterhalfen. Lehrer waren dort zwar durchaus willkommen, aber oft konnten sie die Fragen untereinander klären und sich gegenseitig weiterbringen. Besonders begeistert hatte das Schulteam die Mensa und die Möglichkeit, gemeinsam zu essen. Der neue Ort und das neue Miteinander hat das Schulteam definitiv näher zueinander gebracht.

«Ich finde eine gewisse Freiheit auf Universitäten den Jünglingen äußerst nötig.»

Zitat Immanuel Kant

Aus dem Experiment haben die Teams konkrete Verbesserungsvorschläge zurückgebracht. Das Team aus der Arbeitswelt griff die Idee des Werkraums auf und hat diese zu einem Ideation Space erweitert. Das Schulteam fing an, über Zonenkonzepte – also konkret die Frage, welche Art von Tätigkeiten in welchen Räumen stattfinden sollte, nachzudenken. Es war für sie eindrücklich zu erleben, wie andere Räumlichkeiten eine Veränderung der Arbeitsweise bewirken. Die Schüler äusserten den Wunsch, mehr Freiheiten zu haben in der Wahl der Lernorte innerhalb des Schulhauses und mehr Einfluss auf Pausen nehmen zu können. Gemeinsam stellte das ganze Team fest, dass die offenen Räume ihnen viel mehr Kommunikations- und Zusammenarbeitsmöglichkeiten geboten haben. Denn Lernen ist zeit-und raumungebunden.

Die Welt des Lernens verändern

Jede Veränderung braucht als Auslöser ein Signal. Ein starkes Signal für eine Veränderung setzt bei der Umgestaltung des Raumes an, auch eine Veränderung der Unterrichtsmethode. Das Gestalten von Lernwelten folgt dem Wunsch, den Unterricht zu verändern. Z.B. startet das Churer Modell mit dem Umstellen des Raumes. Auch die Laborschule in Bielefeld oder die Steve Jobs Schule in Amsterdam arbeiten mit dem Signal Raum, indem sie verschiedene Zonen im Schulhaus schaffen und die klassischen Klassenzimmer aufheben. Neue Lernwelten bieten Bereiche, wo Schülerinnen und Schüler in Ruhe für sich selber arbeiten können; Zonen, wo sie mit Lehrpersonen oder Kollegen interagieren, aber auch Bereiche für die Zusammenarbeit und der Co-Creation des Lehrerteams. Diese Freiheiten schaffen Verantwortung für das eigene Lernen und gleichzeitig auch Motivation zum Lernen. Wird diese mit sinnhaften Aufgaben verknüpft und die eigene Kompetenz erlebt, dann wird die Motivation weiter verstärkt und die Kreativität gefördert (Ryan, Deci). Dies stärkt die Entwicklung der Lernenden in den Kompetenzen des 21. Jahrhunderts, damit sie den Eintritt in die Arbeitswelt erfolgreich meistern können. Wenn Jugendliche diese Kompetenzen in die Arbeitswelt einbringen, kann die Unternehmung z.B. in Form von Reverse Mentoring oder Offenheit für Pilotprojekte in einer zukunftsgerichteten Kultur gestärkt werden.

Lernwelten gestalten die Welt des Lernens

Durch Experimentieren Erlebnisse schaffen

Auch wenn das Experiment rein gedanklicher Natur war, soll es einen Denkanstoss geben. Neue Orte wirken sich inspirierend auf die Zusammenarbeit aus und helfen, Veränderungsprozesse voranzutreiben. Dabei geht es nicht immer gleich um einen Umbau, sondern oft um den ersten Schritt und ein vorsichtiges Vortasten. Warum nicht einmal die nächste Sitzung oder Retraite in einem Coworking Space abhalten? Wer es etwas verrückter mag, kann sich zum Beispiel an mia Engiadina wenden: dort kann man ein ganzes Gemeindehaus, eine Kirche oder eben eine Schule als Veranstaltungsort oder temporäres Büro mieten. Wenn dann die Erfahrungen aus solchen Experimenten zurückfliesen in die Unternehmung und auch die Schule, dann geht der Wunsch meines Sohnes vielleicht schon bald in Erfüllung.

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