Ein Jahr Coworking – Quo vadis?

Erste Erkenntnisse aus der Studie von VillageOffice

Ein bisschen fühlte es sich an, wie wenn man am Weltraumbahnhof die Crew in Empfang nimmt, die nach einer einjährigen Mission im All soeben wieder heil auf der Erde angekommen ist. Sind sie noch die gleichen? Was haben sie unterwegs gelernt? Was nehmen sie mit? In diesem Beitrag möchte ich erste Einblicke in die «Coworking Experience» von VillageOffice geben – acht Firmen haben während einem Jahr mit Coworking experimentiert und sich gemeinsam mit VillageOffice auf die Frage eingelassen, welchen Nutzen Coworking den Mitarbeitenden und der Organisation stiftet. Das Projekt wurde durch eine interdisziplinäre Studie der Universität St. Gallen begleitet.

In der Schweiz öffnete der erste Coworking Space 2007, nur knapp zwei Jahre, nachdem der Begriff durch Bradley Neuberg in San Francisco geprägt wurde. Mittlerweile zählt die Schweiz rund 170 Coworking Spaces. Sie alle sind Sinnbild einer neuen Wirtschaft, die parallel zur «alten» heranwächst. Mich persönlich fasziniert noch viel mehr als die beeindruckenden Wachstumszahlen die Frage, welchen Nutzen Coworking für welche Anspruchsgruppen stiftet. Ursprünglich wurde die Coworking Bewegung unter dem Mantra «Working alone – together» gestartet. Damit verfolgte sie primär das Ziel, Freelancern und Startups den Ausbruch aus der Isolation des Home Office zu ermöglichen, bzw. den Zugang zu einer Community.

Ganz anders sind die Motive der Firmen und der angestellten Coworker. Mit dem Büro haben sie bereits diesen Ort der Begegnung und Vernetzung. Sie erhoffen sich von den dritten Orten etwas ganz anderes. Die Beweggründe – und damit sind wir bereits mitten in den Erkenntnissen der Studie – sind enorm vielfältig. Von «da arbeiten, wo ich lebe» zu «ich brauche einen Ort, wo ich mich komplett ungestört in ein Thema vertiefen kann» bis hin zu «mich mit Menschen vernetzen, die meinen Horizont erweitern». Während die Forschung zu Nutzenszenarien aus der Sicht von Freelancern und Startups bereits recht weit fortgeschritten ist, steht diejenige, die sich mit den Motiven der Firmen auseinandersetzt erst ganz am Anfang. Die gemeinsame Studie von VillageOffice und der Universität St. Gallen möchte einen Beitrag dazu leisten, dieses Feld genauer auszuleuchten und konkrete Nutzenszenarien aufzuzeigen. Die Veröffentlichung ist auf Anfang Dezember geplant. Einige spannende Einblicke möchten wir vorab jedoch schon teilen:

  • Als wir das Studien-Design entwickelt haben, schwebte immer die Frage im Raum: Braucht es bereits Erfahrung mit flexiblen Arbeitsformen, um den Schritt in den Coworking Space zu wagen? Oder ist Coworking als neues Arbeitsszenarium eventuell ein idealer Einstieg in eine agilere Arbeitsweise? Die Aussagen in den Interviews bestätigten zur Überraschung der Forschenden eher letzteres; Coworking scheint für viele ein idealer Einstieg in flexibles Arbeiten zu sein. Zum einen ist das Vertrauen der Führungskräfte höher, wenn die Mitarbeitenden in einem professionellen Umfeld arbeiten, zum andern schätzen viele Mitarbeitende die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten, ohne dass sie Privates und Geschäftliches vermischen müssen, wie dies im Home Office der Fall ist.
  • Ein Interview-Teilnehmer sagte uns gleich zu Beginn des Interviews, dass er «keine Zeit habe für Coworking»; im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass er eigentlich seit Jahren erfolgreich Coworking praktiziert. Dabei arbeitet er jedoch nicht in Coworking Spaces, sondern in den eigenen Filialen sowie den Niederlassungen seiner Partner. Diese Form von internem Coworking ist für Firmen besonders spannend. Sie verhilft dem Mitarbeiter zu einer höheren Effizienz. Zudem stärkt sie die Vernetzung, den Wissensaustausch und die Beziehungsqualität zu internen und externen Anspruchsgruppen, die an verteilten Standorten arbeiten.
  • Wo sich die Teilnehmenden des Experiments sehr stark unterschieden war im primären Bedürfnis, das sie mit Coworking abdecken wollten. Für die einen steht ganz klar der Rückzug im Vordergrund – die Möglichkeit, sich einen Tag aus der Hektik des Büroalltags zurückzuziehen. Der Coworking Space übernimmt dabei die Funktion eines «dritten Ortes», wo sie weder durch die Arbeitskollegen noch die Familie unterbrochen werden. Für die anderen stand hingegen die Vernetzung und Inspiration im Vordergrund – verbunden mit der Hoffnung, an diesem Tag auch Raum für zufällige Begegnungen und Entdeckungen zu schaffen.

Bei allen Studienteilnehmer spürte man, dass Coworking noch nicht recht verordnet ist in den geltenden offiziellen und unausgesprochenen Spielregeln und Werten der Zusammenarbeit. Interessanterweise ist Coworking für fast alle sehr nahe beim Büro – die Regeln, die für den Umgang mit Home Office gelten, kamen selten zur Anwendung. Oder zumindest liess man dies während der Dauer des Experiments bewusst offen. Dies ist eine sehr spannende Entdeckung, wenn wir uns vor Augen halten, dass Coworking nur auf dem starken Fundament von gegenseitigem Vertrauen funktioniert. Beim Szenario Home Office hört man öfter «Die machen das doch nur, um Kosten einzusparen» (Sicht Mitarbeitende) versus «Da wird nicht mit gleicher Disziplin gearbeitet» (Sicht Firmen). Bei Coworking sind sich dagegen alle einig, dass Coworking, weil es eine bewusste Investition der Firma darstellt, ein gelebter Vertrauensbeweis ist und für eine Kultur steht, in der der Mensch und seine Leistung im Vordergrund stehen.

Ich freue mich darauf, bis VillageOffice und die Universität St. Gallen gemeinsam Anfang Dezember die detaillierten Ergebnisse, die am Lehrstuhl für Führungs- und Personalmanagement von Prof. Dr. Antoinette Weibel sowie am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik bei Prof. Dr. Andrea Back ausgewertet werden, vorstellen. Herzlichen Dank allen beteiligten Akteuren für das Vertrauen und die spannenden Einblicke. Dank diesen Pionieren können wir alle dazu beitragen, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die Firmen und Mitarbeitenden eine noch erfolgreichere Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter ermöglichen.

 

VillageOffice ist eine Netzwerkpartnerin der Work Smart Initiative: villageoffice.ch

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