Of course we can - oder meine Arbeitszeit mach ich mir selbst

Was gilt eigentlich als Arbeit im engeren, arbeitnehmerischen Sinne? Ist es der persönliche Austausch mit Kollegen, die physische Präsenz im Büro, regulierte Pausen innerhalb definierter Zeiträume, das Beschäftigtsein und dabeigesehenwerden mit klassischen Bürotätigkeiten wie Ablage, Tippen, Kopieren, Drucken, der Feierabend durch Ausstempeln? Ist es all das, was ein messbares Arbeitsergebnis liefert, das in Unternehmen Dynamik entstehen lässt und sie vorwärts bringt?

Oder sind es nicht vielmehr die über sich selbst verfügenden Individuen, denen die beste Idee bei der Gartenarbeit einfällt, die rasch nach der Lieblingssendung um 21 Uhr oder dem Abendessen mit der Familie nochmals mit neuer Energie kreativ durchstarten? Alle also die sich ausserhalb regulativer, getakteter Malochen -Trampelpfade befinden? Jeder mag das für sich selbst entscheiden. Bei einigen lassen es vielleicht die Tätigkeiten nicht zu, andere plädieren für klare Strukturen und dazu gehört dann eben auch, morgens das Haus zu verlassen um zur Arbeit zu gehen. Ich persönlich liebe Sonnenaufgänge. Ausserdem habe ich einen Hund, der morgens raus muss. Lässt mir die Möglichkeit des Arbeitens vom eigenen Schreibtisch aus die Freiheit, den Tag mit einem ausgiebigen Morgenspaziergang zu beginnen, dann werde ich mich im Anschluss daran, sicherlich frohgemuter ans Werk machen, als nach einer von der Stempeluhr getriebenen Hetze, um innerhalb der Kernarbeitszeit zu bleiben.

Meiner Ansicht nach gibt es im Leben eines Menschen einige tragende Säulen: Familie und Partnerschaft, Freunde, Interessen, Hobbies, Arbeit und Geld, Gesundheit. Geraten mehr als zwei dieser Säulen ins Wanken ist die Gesamtstabilität eines Menschen bedroht. Arbeit ist eine der tragenden Säulen im Leben eines gesunden Menschen und ein wichtiger Faktor, wenn es um die eigene Lebensqualität- und Zufriedenheit geht. In diesem Kontext ist es für mich offensichtlich, dass je mehr sich die Arbeit ins Gesamtpersönlichkeitsgefüge eines Menschen einfügt, umso wertvoller ist sie für ihn. Klartext: Für eine junge Mutter ist ihr Kind zweifelsohne das Wichtigste, dennoch kann für sie der Job ohne Unterbrechung zu ihrem Leben dazugehören, weil erst die geliebte Arbeit das Glück vollkommen sein lässt. Wie sehr wird sie also die Chance des Homeoffice zu schätzen wissen und sich umso mehr mit ihrem Job und in Folge auch mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Gerade in Zeiten der Lebensabschnittsjobs ein nicht mehr selbstverständlich anzutreffender Wert.

Um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, fragen Fachkräfte häufig bereits bei der Bewerbung nach flexiblen Arbeitszeitmodellen. Die Möglichkeit für Beschäftigte, die eigene Arbeitszeit individuell zu gestalten, wird dadurch immer mehr auch zu einem zeitgemässen Instrument von Unternehmen zur Rekrutierung, Motivation und Bindung guten Personals. Der klassische Nine-to-Five Job mit seinen starren acht Stunden Anwesenheit ist daher eindeutig auf dem Rückzug, da sowohl Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer von flexibel gestaltbaren Arbeits- und Jobmodellen profitieren. Besonders vorteilhaft sind solche Angebote insbesondere für Leute, die nicht am Unternehmensstandort wohnen, da sich dadurch Stress und Zeitaufwand für den Arbeitsweg umgehen lassen. Für familiär eingebundene Menschen ermöglichen flexible oder Teilzeitlösungen eine optimalere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  Weitere Vorteile bieten vor allem Teilzeitregelungen für Mitarbeiter, die nicht oder auch nicht mehr, die Möglichkeit haben, Vollzeit zu arbeiten. Dies trifft für ältere oder auch Fachkräfte zu, die eine Weiterbildung anstreben.

Auch aus Arbeitgebersicht gilt es, die Ressource Arbeit möglichst gut zu nutzen, dh. beispielsweise personellen Leerlauf zu vermeiden. In einem System mit starren Arbeitszeiten kann man schwankenden Kapazitätsanforderungen nur schwer folgen. Eine freiere Gestaltung der Betriebs- und Arbeitszeiten bedeutet daher auch aus Unternehmenssicht eine bessere Kapazitätsplanung.

Natürlich ergeben sich aus mobil-flexibler Arbeitszeitgestaltung auch Herausforderungen für Führungskräfte, da die Mitarbeitenden sowohl für Vorgesetzte als auch für Kunden nicht zu allen erwartbaren Zeiten zur Verfügung stehen. Neben dem Risiko des Ausnutzens der Freiheiten bezüglich Zeitsouveränität, droht gegenteilig auch bei besonders engagierten Kräften, die Nichteinhaltung von Erholungs- und Ruhezeiten. Ganz grundsätzlich ist eine Betriebskultur des Vertrauens und der Kooperation, sowie ein funktionierendes Selbstmanagement der Fachkräfte, die essentielle Basis aller Flexibilitäten, so auch der zeitlichen. Wichtig sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber ist, dass ein Job der von einem anderen Ort als dem Corporate Office aus erledigt wird, einen hohen Anteil an Eigeninitiative innehat und das Arbeitsergebnis sowohl klar dokumentierbar und überprüfbar, als auch messbar ist.

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