Work Smart: Mein Büro bin ich

(Erschienen im SBB Blog am 8. Juni 2015)

Früher gab es jährlich einen «Home Office Day», in diesem Jahr findet erstmals die «Work Smart Week» statt: Vom 15. bis 19. Juni 2015 zeigt die SBB zusammen mit Microsoft, Post, Swisscom, Witzig The Office Company und der Mobiliar auf, was flexibel und mobil arbeiten heute bedeutet. Das Büro der Zukunft sieht so aus: Man arbeitet, wo und wann es am besten geht. Vorausgesetzt natürlich, Job und Chef lassen dies zu. Während der Work Smart Week können Interessierte schweizweit mehr als 50 Co-Working-Angebote gratis testen. Ein Selbstversuch.

Morgens kurz vor Acht. In knapp zwei Stunden habe ich einen Termin in Fribourg. Vorher noch in mein Berner Firmenbüro zu fahren lohnt sich nicht, da ich für den Weg hin und zurück zum Bahnhof fast eine Stunde verplempern würde. Zuhause poltern die Kids soeben die Treppe herunter. Kita-freier Tag. Nach der stürmischen Begrüssung schwinge ich mich deshalb aufs Velo und radle die sechs Minuten bis zum Bahnhof Bern. Dort angekommen, ruft bereits eine Kollegin an, die so schnell wie möglich einen kurzen Text von mir benötigt.

Ich steuere eine Sitzgelegenheit in der Galerie an und zücke mein Notebook. Knapp zehn Minuten später ist der Auftrag erledigt. Solche kurzen Arbeiten mit Zugriff aufs Internet lassen sich an immer mehr Bahnhöfen erledigen: Bis Ende Jahr gibt es in der Schweiz an mehr als 80 Bahnhöfen kostenloses WiFi.

Arbeiten bei der SBB am Bahnhof

Für meine nächste Arbeit benötige ich nun etwas mehr Ruhe, einen Drucker – und ausserdem dringend einen zweiten Kaffee! All dies bekomme ich direkt im Bahnhof Bern im SBB Businesspoint, den man über den Lift im vierten Stock des Hauptgebäudes erreicht. Leiterin Irene Baumann erwartet mich bereits und gibt mir einen Einblick: Auf 550 Quadratmetern stehen im Businesspoint Bern Einzelarbeitsplätze in einem offenen Arbeitsbereich sowie Sitzungs- und Büroräume für 4 bis 40 Personen zur Verfügung. Im Preis inbegriffen sind dabei WLAN-Zugang, Beamer oder TV, Flipchart oder White Board sowie Getränke und Früchte! «Wegen des begrenzten Platzangebots empfehle ich vorab eine Reservation», sagt Irene Baumann. Spontane Besucher seien aber ebenso willkommen.

Ich checke in eine der weiss-blauen offenen Arbeitszellen ein, von denen bereits gut ein halbes Dutzend besetzt sind. Hier lässt es sich in Ruhe arbeiten: Auf einem Bildschirm an der Wand läuft leise CNN, die Besucher reden mit gedämpfter Stimme, ab und zu klingelt ein Telefon, zwei Geschäftsleute aus Deutschland unterhalten sich im Gehen über ihren nächsten Termin. Plaudereien oder Kontakte knüpfen ist angesichts des hochkonzentrierten Arbeitens rundherum kaum möglich. Dafür müsste ich länger ausharren und regelmässig die Kaffeebar ins Visier nehmen. Mein Zug nach Fribourg fährt aber bereits in ein paar Minuten.

Die Verbindung hält auch unterwegs

Der 2.-Klass-Wagen ist um diese Zeit luftig gefüllt und zum Glück keine lauten Mitmenschen in Sicht. In der knappen halben Stunde Fahrzeit bis Fribourg schaffe ich es, online einen Auftrag im Prozessmanagement-Tool auszulösen und per Headset mit zwei Kollegen eine kurze Telefon-Konferenz über Lync abzuhalten. Während der gesamten Zeit ist der Mobilfunk stabil. Mittlerweile sind sämtliche Fernverkehrszüge der SBB mit Repeatern für optimierten Empfang ausgerüstet.

In Fribourg steuere ich auf meinem zehnminütigen Fussmarsch vom Bahnhof die ehemalige Villars-Schokoladenfabrik in der Route de la Fonderie an. In einem Teil der zweiten Etage  betreibt Philippe Lang seit Mai 2014 das Colab Fribourg, ein Büro für Co-Working und Events, welches an der Work Smart Week teilnimmt. In unmittelbarer Nähe zur Uni Fribourg, mehreren Fachhochschulen und dem Botanischen Garten kann man hier ab 25 Franken pro Tag einen von insgesamt 14 Arbeitsplätzen mieten – Metallschrank, Drucker, Kopierer, Papier, einen Konferenzraum sowie natürlich schnelles Internet und Getränke inklusive. Extras können bargeldlos über die App Klimpr bezahlt werden.

Cooler Ort mit megafreundlichen «Bürokollegen»

In dem hellen Loft mit Parkett und grossen, geöffneten Fenstern herrscht eine entspannte, kreative Atmosphäre, nicht nur wegen des imposanten schwarzen Flügels im hinteren Teil des Raums. Zwei Nerds mit Kopfhörer und Zopf fläzen vor ihren Bildschirmen und nicken mir freundlich zu. Loïc ist einer von ihnen. Der Student und Freelance-Grafiker arbeitet zwei Tage pro Woche im Colab. «Gestern Abend hättest Du hier sein müssen», sagt er. «Wir hatten ein Tech-Meeting mit gut 50 Leuten – formidable!» Tagsüber sei der Ort für ihn «wie eine Bibliothek zum Arbeiten und Lernen». Zum Telefonieren gehe man nach draussen.

Im Colab kann ich nun ungestört meine weitere Arbeiten erledigen und zwischendurch Philippes umfangreiche Saftvorräte testen. Später löst meine Frage nach einer Pause bei meinen neuen «Bürokollegen» sofortige Zustimmung aus: Gemeinsam lüften wir unsere Köpfe und plaudern dabei wie alte Bekannte.

Fünf Arbeitsplätze hat Philippe Lang fix an Firmen vermietet. Die Idee, als Freelancer mit anderen Leuten an einem Ort zu arbeiten, hat der 34-jährige Cluster-Manager an einem Event für Computerspielentwickler in Zürich aufgeschnappt: «Ich war begeistert und habe kurz darauf einen Ableger in Fribourg eröffnet.» Zu seinen Kunden zählen vor allem Grafiker, IT-Spezialisten und Studenten. Fast noch wichtiger als das gemeinsame Arbeiten sei ihm das Community Building, sagt Philippe. «Wer dazu gehört, erfährt beispielsweise regelmässig, wo es in der Region interessante Projekte oder offene Stellen hat.»

Dass er mit seinen bisherigen Einnahmen knapp die Einrichtung und den laufenden Betrieb finanzieren kann, genügt dem Idealisten vorerst: «Dafür lerne ich hier extrem viel über die Bedürfnisse von Menschen und Firmen in Bezug auf flexibles Arbeiten.» Mit dem so erworbenen Know-how will Lang demnächst einen noch grösseren Co-Workingspace eröffnen, verrät er mir beim abschliessenden Kaffee im Café Villars.

Ich mache mich nun doch noch auf den Weg in mein Berner Büro, wo ein Meeting am Nachmittag erstmalig an diesem Tag meine physische Anwesenheit erfordert. Bis dahin habe ich trotz ständiger Ortswechsel die meisten meiner heutigen Aufgaben abgearbeitet. So betrachtet kann also überall wo ich bin auch mein Büro sein – das Büro bin ich! Ein Glück, dass meine vorausschauende Chefin es schon lange genauso sieht.

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